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Kunstverein Regensburg. Durch die Scheibe. Foto: Hufner

Eine kleine Stockhausen-Geschichte

Ich kann nicht genau sagen, wann ich das erste mal den Namen Stockhausen gehört habe. Sicher war es noch in der Schule, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Die Musik, die zu diesem Namen gehörte, was nicht ganz leicht zugänglich. Am ehesten ging es noch über einer Schallplattenreihe der HörZu (zusammen mit der Deutschen Grammophon?), die unter dem Titel Avantgarde in mehreren Schubern aufgelegt wurde und in der örtlichen Bibliothek zur Ausleihe stand. Mit dabei gewesen sein muss das Stück „Stimmung“ aus den 60er Jahren. Eine Art Meditation über einen Akkord für sechs Stimmen. Bestimmt eine Stunde lang der gleiche Akkord, in sich selbst leicht abgewandelt. Es gehörte zu den frühen Höreindrücken auch der „Gesang der der Jünglinge“ aus den 50er Jahren. Elektronische Musik mit einer Knabenstimme, die an einer bestimmten Stelle „Prei-ei-set der He-e-rren“ singt. Beide Stücke erstaunten mich und faszinierten mich. Man kann sie fast nicht einem Autoren zuordnen, zu unterschiedlich ist die Klanglichkeit.

Auf einer anderen Platte waren auch die elektronischen Studien neben einem bekannten Stück von Eimert. Über die anderen Stücke aus den 50er Jahren wusste ich wenig. Sie wurden einer „seriellen Technik“ zugeordnet mit der ich wenig anzufangen wusste. Aber diese Technik war faszinierend genug. Und die Lektüre des Werkes „Wie die Zeit vergeht“ in der Reihe edition text + kritik ließ mich zumindest noch einmal nachdenken, was denn da passiert war.

Bald schon stellte sich heraus, dass es da ein Trio gab, welches offenbar für die 50er Jahre besonders stilbildend war: Luigi Nono, Pierre Boulez und eben Karlheinz Stockhausen (siehe diesen Stockhausen Cartoon). Das nahm ich wahr, aber das Interesse hat sich längst in die USA verschoben. Zur Gruppe von John Cage, Earle Brown und vor allem Morton Feldman. Auch hier war die Bibliothek hilfreich. Ein Schuber mit einigen Platten des Ensembles Musica negativa führte einige Werke an. Stockhausen selbst galt schnell – der Entwicklung nach – als „Spinner“, auch weil da die Sachen mit dem Sirius auftauchten, der sein Heimatstern zu sein schien. Es war dieses planetarische Irre, welches mir schien, man müsse Stockhausen nicht mehr ernst nehmen. Mit Nono war eh ein politischer Kopf der seriellen Schule vorhanden.

Stockhausen fiel aus dem Raster heraus. Cage, Feldman und Nono hatten ihn verdrängt und überflüssig gemacht. Jedenfalls für mich.

Irgendwann hörte ich dann in Frankfurt noch ein mehrkanaliges Tonbandstück im großen Saal, was gewiss ein echter Ohrenschmaus war. Aber bei der gleichen Veranstaltung, bei einem anderen Konzert kam es zum Eklat, weil Stockhausen ein Konzert nicht beginnen wollte, bis eine ihm nicht gefällige Kritikerin den Raum verlassen hätte.

Und dann waren die Anfeindungen der kritischen Kritiker wie Heinz-Klaus Metzger, der Stockhausen in der 68er Zeit vorwarf, während alle an Revolution dachten, er, Stockhausen, sich sein privates und unpolitisches „Denke nichts“-Spiel durchzuführen.

Aus den sieben Tagen:

Denke Nichts / Warte bis es absolut still in Dir ist /
Wenn Du das erreicht hast / beginne zu spielen /
Sobald Du zu denken anfängst, hör auf /
und versuche den Zustand des NICHTDENKENS wieder zu erreichen /
Dann spiele weiter //
10. Mai 1968

Musikalische Yoga-Übungen inmitten der Unruhen. Das kam bei der musikalisch-politischen Avantgarde nicht gut an. Im Rückblick sieht man so etwas natürlich gelassener. Denn von Mauricio Kagel kam etwas Schützenhilfe, aber nicht gewollte, wenn der den „politischen“ Ambitionen einiger seiner Kollegen vorwarf:

Leider sehe ich auch Komponisten an der nächsten Chile-Kantate arbeiten, in der die Schreckenstaten der Militärdiktatur in säuberlich organisierten Tonreihen disponiert werden, oder ein Griechenland-Oratorium für Soli, Chöre, Orchestergruppen und elektronische Klänge, mit gut hörbaren Opferschreien und Foltergeräuschen, damit das internationale Publikum das Engagement spürt. Und das Wort Freiheit wird durch den Klangwolf des Synthesizers so lange moduliert, bis man es deutlich mißversteht. Und schließlich erhebt sich das leidende Proletariat aller Länder im Zeichen der Dankbarkeit, wenn Komponisten durch Tonsetzung des Marxschen „Kapital“ sich mit ihm solidarisieren.

Die Kritik ging damals ja auch zurück, also genau genommen schon viel früher, als Stockhausen den „Il canto sospeso“ von Luigi Nono kritisierte. Kurz gesagt, Nono habe das Problem von Verständlichkeit und autonomer Musik in Richtung Musik aufgelöst. Die Texte könnte beliebig auch andere sein.

Er läßt die Texte nicht vortragen, sondern bringt sie in einer so rücksichtslos strengen und dichten musikalischen Form, daß man beim Anhören nahezu nichts mehr versteht.
Wozu dann überhaupt Text, und gerade diesen?01)K. Stockhausen, Luigi Nono – Sprache und Musik II, in: Texte Band 2, Köln 1988, S. 158.

Und das scheint mir insgesamt doch der Bedeutsame der Zeit selbst. Man übte noch richtigen Streit im künstlerischen und politischen Bereich. Heute hat der Kulturmacher das Wort und der Musikmarkt diktiert viel. Auch weil sich die Kunstmenschen nicht mehr in sich organisieren. Das hatte immer den Vorwurf, man würde ästhetische kungeln. Intrigante Kreise in Darmstadt und Donaueschingen. Was neben diesen Orten stattfand, war einfach auch nicht so richtig da. Das führte zu einer doppelten Problematik. Nur in der musikalischen Klausur konnte sich die Kompositionen ausreifen lassen, man mochte da noch so sehr das Thema Musik & Leben thematisieren, und damit war man eine gewisse Ehrengesellschaft. Avantgarde, neulich konnte ich darüber disktutieren, hatte diese elitäre Komponente, etwas Außenständiges eben.

Und einen zusätzlichen Respekt erwarb sich Stockhausen dadurch, dass er seinen Verlag wechselte, wenn ich mich recht entsinne. Er ging weg von der Universal Edition (sie hätte besser vielleicht Universum Edition heißen müssen) und verlegte fortan sich selbst. Offenbar auch mit Erfolg.

Jedoch am deutlichsten präsent ist, durch Fotografien vermittelt, jener Stockhausen, der in den 50er Jahren im elektronischen Studio mit Tonbändern hantiert. Zumindest in meiner Vorstellung.

Jetzt blättere ich gerade den Band 2 der Texte durch und sehe die Diskographie. Bei allem Gedanken an die Zirkelhaftigkeit der Neue-Musik-Komponisten fällt die letzte Nennung doch auf:

  • Stockhausen: Festival of Hits (aus Gesang der Jünglinge, Kontakte, Carré, Telemusik, Stimmung, Hymnen, Kurzwellen) Polydor 253 8152
  • Stockhausen: Greatest Hits 2 Platten (wie „Festival of Hits“; ferner aus Es, Gruppen, Spiral, Opus 1970, Mantra, Aufwärts) Polydor 261 2023

Das war sicher nicht nur eine Belabelung sondern tatsächlich ein reales Gefühl der Zeit. Avantgarde und Hit mussten in dieser Zeit nicht notwendigerweise sich ausschließen.

Die Stockhausen-Stiftung hat jetzt eine Memorial-Broschüre als PDF aufgelegt und ebenso ein Kondolenz-Blog eingerichtet

Fussnote(n)   [ + ]

01. K. Stockhausen, Luigi Nono – Sprache und Musik II, in: Texte Band 2, Köln 1988, S. 158.