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Seifenblasen. Foto: Hufner

Spamffiti – Kool Killer und Spam [2007]

Vor einiger Zeit habe ich geschwind mich durch den „Aufstand der Zeichen“ des französischen Autors Jean Baudrillard durchgelesen. Zunächst wegen eines Textes zur Medientheorie. Auch weil ich Baudrillard immer für einen Trottel hielt, es aber Hinweise darauf gab, dass manche in seinen Analysen so etwas wie eine total überdrehte fortentwickelte, absolut negative und schwarze Form von Adorno zu sehen meinten. Was die Negativität und Trostlosigkeit angeht, kann ich es nun bestätigen. Im Titelaufsatz „Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen“ beschreibt und analysiert Baudrillard die Graffiti-Bewegung in New York um 1972. Es heißt dort, Seite 29 folgende:

„Mit den Graffiti von New York wurden zum erstenmal in großem Ausmaß und in höchst offensiver Freiheit die urbanen Bahnungen und beweglichen Träger benutzt. Vor allem aber wurden zum erstenmal die Medien in ihrer Form selbst attackiert, also in ihrer Produktions- und Verteilungsweise. Und zwar eben deshalb, weil die Graffiti keine Inhalt, keine Botschaft haben. Es ist diese Leere, die ihre Kraft ausmacht. Und es ist kein Zufall, daß der totale Angriff auf die Form von einem Zurückweichen ihrer Inhalte begleitet ist. Denn dieser Angriff geht aus einer Art revolutionärer Intuition – nämlich daß die grundlegende Ideologie nicht mehr auf der Ebene politischer Signifikate, sondern auf der Ebene der Signifikanten funktioniert – und daß hier das System verwundbar ist und bloßgelegt werden muß.“01)Baudrillard, Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen, Berlin 1978, S. 29 f.

Lässt man einmal den letzten zitierten Satz etwas auf der Seite grummeln, möchte man glatt eine ähnliche Funktion beim Mailspam sehen. Oder geradeweg auch in der explosionsartigen Vermehrung von sog. Blogs. Die Mailspam-Texte der aktuellen Art bestehen ja auch häufig aus Inhalten, die keine sind: Wortkombinationen, Linkkombinationen, leere Zeichen; jedoch so überbordend, dass sie das System auch auf ihre Weise bestimmen. Technische Vorrichtungen, mathematische Berechnungsformeln sind so angelegt, etwas dagegen zu setzen. Eine Maßnahme, wie sie auch in der Politik, genauer beim politisch-gesetzgeberischen Handeln immer häufiger anzutreffen ist. Die Dinge werden nicht auf der Ebene ihres Umfeldes angegangen, sondern formal-technisch. Das ist manchmal auch kaum anders möglich, wenn die Zeitnot eine Auseinandersetzung verhindert.

Baudrillard weist auf eine weitere Ähnlichkeit hin. Das kurze Nichtzeichen der Graffiti wurde nicht technisch bewältigt sondern, Wendung des Angriffs, entschärft durch eine Übernahme in Werbung und nebenher die kulturtechnisch in „City Walls Incorporated“ als förderwirksam und steuerminderndes Projekt (budjetiert über die Abteilung für Kulturelle Angelegenheiten der Stadt New York).Freilich sieht Baudrillard eine Art Guerilla mit im Spiel, wenn die Grafitti über die U-Bahn-Pläne gelangten, „so wie die Tschechen die Straßennamen Prags veränderten, um die Russen in die Irre zu führen: ein und dieselbe Guerilla“02)(ebenda, S. 31. Spam als Guerilla, nicht etwa die Hacker, die gerne, gleichgültig zum Gegenstand, ihrerseits das technisch machbare realisieren. Ist irgendwo eine Lücke, so lässt sie sich finden und der Hintergrund mal defacen (im am wenigsten aufdringlichen Fall). Das seinerseits erinnert eher an 100 legale Steuertricks. Lücken im System zu finden, wird zu einer Kunst an sich. Doch das ist Abschweifung. Baudrillard sieht den Zusammenhang 1970 anders:

„Manch einer wird in der politischen Organisation die wahrhaft revolutionäre Praxis sehen und die Graffiti als Folklore abtun. Das Gegenteil ist wahr: der Fehlschlag von 1970 hat zwar eine Regression auf traditionellen politischen Aktivismus zur Folge gehabt, aber er hat die Revolte auch gezwungen, sich auf dem eigentlich strategischen Terrain, dem Terrain der totalen Manipulation von Codes und Bedeutungen, zu radikalisieren.“03)ebenda, S. 30. „(…) COOL COKE SUPERSTROUT SNAKE SODA VIRGIN – man muß diese Sioux-Litanie vernehmen, diese subversive Litanei der Anonymität, die symbolische Explosion dieser Kriegsnamen im Herzen der weißen Metropole.“04)ebenda, S. 38.

Kann man der Spam-Mafia eine ähnliche Substanz nachsagen. Ist Spam nicht danach auch ein Angriff auf das selbst streng kleinbürgerliche Internet, mit ihren Kleinbürger-Postfächern, mit den multinationalen Unternehmen, die sich durchdrücken. Die Revolte der Graffiti ging von anderen Mitteln aus. Sie verwendete auch andere Mittel. Spam wird versandt von ebensolchen Kleinbürger-Existenzen, Miniunternehmungen, die kein Gegenüber haben. Ihre Revolte ist auch nicht in diesem Sinne öffentlich sichtbar, sondern ein Ärgernis der Zeit. Spam ist ebenso eine Form von Subversion in der Kultur, betroffen ist fast jeder mittlerweile, vermutlich die Spammer ihrerseits ebenso. Die Zeichen heute heißen nicht mehr nach Namen sondern nach Marken; sie sind Vollzug der vollen Übernahme der Subversion. Sie sind uncoole Killer. Aber darin sind sie mir dann doch wieder fast sympathisch, so sehr sie manches Werk an den Rande des Ruins treiben. Apropos. Gestern zahlreiche Kommentare zu Filmchen bei youtube gelesen. Spam ist zum gesellschaftlichen Selbstausdruck einer Generation geworden. Argumentationsmüll dorten, wenn es überhaupt als Argumentation zählen sollte. Darum geht es nicht, es geht um den Kollaps als Kunst:

„man ihr seit hässlich geht zu den amis da habt ihr ghettogott seid ihr niedlich…..ihr denkt auch ihr seid hart oder?????KÖLN PORZ DEADLINE Forever“

Medienterror. Dann.

Fussnote(n)   [ + ]

01. Baudrillard, Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen, Berlin 1978, S. 29 f.
02. (ebenda, S. 31
03. ebenda, S. 30.
04. ebenda, S. 38.