September 20, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Masse und Macht

Man kommt zu nichts mehr. Krystian von der Berliner Gazette bat mich, im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem G8-Treffen in Heiligendamm doch einen Beitrag zu einer Reaktion herzustellen. Dabei handelt es sich um das Erzeugnis masseundmacht.com. Viel ist da nicht zu finden, aber wohl ein Musikbeitrag von Christian von Borries. Und damit fängt es an. Es ist kein musikalisches Beispiel sondern ein akustisches, das auch Elemente von Musik in sich fasst. Es ist ein aksutisches Bild. Sehr verrätselt und doch in einem Punkt extrem präzise. Darin wird ein Ton mit einiger Lautstärke ab 1’20“ und dann noch mal um eine Oktave versetzt ab etwa 2’58“ angstimmt. Es handelt sich wohl um die Tonhöhe g, ob es g8 ist, kann ich jetzt nicht bestätigen. Der eine Ton liegt bei 6112 Hz, der zweite bei 12224 Hz. Eine Oktave drüber wäre nichts mehr zu hören.


Das ist ein Peak, ein g8-Peak.

Zu den dort verwendeten Materialien gibt es folgende Angaben:

Voices of the G8 leaders, taken from youtube.com, were re-recorded at the courtyard of the Kempinski Hotel Heiligendamm, while the World Economic Summit took already place. The specific G8 sinus wave was provided by Michael Iber. The destruction sound of Berlin’s Buddy Bear was recorded by Andreas Siekmann. All additional sounds were found on limewire.com. Everything was sampled and made by Christian von Borries and mastered by Kassian Troyer.

Die Materialien sind allerdings fast nicht direkt nachhörbar. Wenn man es nicht weiß, hört man es selbst beim besten Willen so gut wie nicht. (Also, ich habe da nichts raushören können). Das ist alles sehr artifiziell gedacht und dennoch ragt dieses akustische Bild aus anderen musikalischen Beiträgen zewcks g8-Gipfel heraus, weil es ihn direkt musikalisch angeht. Aber dabei nicht im unmittelbar-sprachlichen (bestenfalls eben musiksprachlichen) arbeitet. Kein Slogan steht außen an, keine Kommunikation wird erbracht. Und doch ist das Stück gesättigt.

Ein Freund von mir beklagte vor einigen Wochen, als ich ihn darauf hinwies, dass einige Bands um Heiligendamm herum irgendetwas planten: „Ja warum sind wir nicht dabei.“ Und er meinte damit die Neue-Musik-Szene. Dass diese in der Regel sich selbst als gesellschaftskritisch versteht, jedenfalls zu weiten Teilen, ist ja nichts neues. Aber einen Platz unter dem Demonstrationsangebot findet sie nicht; man fragt nicht danach, man meldet sich aber auch nicht. Es ist auch schwer auszudenken, in welcher Form so ein Angebot könnte stattfinden. Christian Borries‘ Weg wäre sicher eine Möglichkeit, mindestens ist es ein probeweiser Versuch. Denn ein Stück von Luigi Nono vor den Toren von Heiligendamm ginge gar nicht. Das würde schon der Wind zerrauschen.

Das Internet wäre aber ein möglicher Ort als Nichtort. Die Autoren des Stück schreiben zum Ende:

„Kommunikation ist unwahrscheinlich… Sie hat keinen Zweck. “
„Communication is unlikely… It serves no purpose.“
(Niklas Luhmann)

Vielleicht bringt auch das noch tragender zum Ausdruck, dass man sich von einer vollendeten Mitgliedschaft im Strom verabschieden will und muss. Man kann dies nur vermuten. Auch der Titel der Website selbst: Masse und Macht legt möglicherweise dies nahe. Da wäre nicht nur der Bezug zum gleichnamigen Buch von Elias Canetti (was ich leider nie gelesen habe; daher kann dazu keine Ausführung gemacht werden – siehe aber hier).

Vielleicht ist es auch was ganz anderes. Und wenn, wüsste ich es auch sehr gerne.

[Nach Diktat verreist.]