Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus [„große Koalition der Unzufriedenen“]

Sinister in Graz. Foto: Hufner

„Wer würde der Regierung im Amt nachfolgen? Eine bessere Regierung? – Vielleicht würde eines Tages eine große Koalition der Unzufriedenen regieren mit Dörflich an der Spitze, und dann wären Tod und Teufel los. Da saßen sie nun und waren am Ende ihres Lateins, die Günstlinge der Suffrage universel, die Jünger Montesquieus, und sie merkten gar nicht, daß sie Torenspiele arrangierten, daß von der Gewaltenteilung, die Montesquieu gefordert hatte, schon lange nicht mehr die Rede war. Die Mehrheit regierte. Die Mehrheit diktierte. Die Mehrheit siegte in einem zu. Der Bürger hatte nur noch zu wählen, unter welcher Diktatur er leben wolle. Die Politik des kleineren Übels, sie war das A und O aller Politik, das Alpha und Omega der Wahl und der Entscheidung. Die Gefahren der Politik, die Gefahren der Liebe, man kaufte Broschüren und Schutzmittel, man glaubte heil davonzukommen, und plötzlich hatte man Kinder und Pflichten oder Sypihilis. Keetenheuve schaute sich um. Sie sahen alle bedeppert aus. Niemand gratulierte dem Kanzler. Der Kanzler stand einsam da.“01)Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras – Das Treibhaus – Der Tod in Rom, Ffm 1986, S. 405.

Schrieb er in der Zeit, als man beschloss, die Bundeswehr wieder einzuführen. Der Koeppen. Damals.

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01. Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras – Das Treibhaus – Der Tod in Rom, Ffm 1986, S. 405.