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Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Foto: Hufner

Eisenman in Berlin – Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Nur eine Woche nach dem öffentlichen Zugang zum „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ nutzte ich einen Besuch in Berlin zum Besuch dieser Stadtskulptur.

Gelesen darüber hatte ich nur wenig, die alten, jahrelangen Diskussionen wurden nur sporadisch verfolgt. Erwartet hatte ich dennoch ein mächtiges „Mahnmal“ mit einer gewissen Überwältigungsästhetik. „2.700 Betonpfeiler sind auf einer Fläche von 19.000 m² wohl geordnet verteilt“, meinte Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates in seiner Hauszeitung „Politik & Kultur“. Wohlgeordnet? Schaut man von oben, mag das vielleicht einigermaßen stimmen und auch auf den ersten Blick wirkt dieses Denkmal geradezu mechanisch und leer. Aber das stimmt so nicht. Je genauer man den Aufbau sich ansieht, von außen und von innen, desto diffenrenzierter wirkt es in der Gestaltung. Eben nichts für, den Spaß erlaube ich mir, „Betonköpfe“.

Olaf Zimmermann schreibt dagegen:

„Das Denkmal selbst strahlt eine Gleichgültigkeit aus, die den Besuchern jedes Empfinden von Respekt vor dem Ort verwehrt.“

Schön, dass er das im Namen aller Besucher zu sagen meint. ich sehe das jedoch anders. Und in der Folge nennt er das Denkmal „gescheitert“. Gescheitert ist jedoch hier der Kunstkritiker Olaf Zimmermann an der Vorgabe, dem Denkmal etwas aufzubürden, was es doch nicht leisten will. Ja, was erwartete denn der Kunstkritiker Zimmermann, etwa, dass man vor Überwältigung auf die Knie fällt?

„Gescheitert ist das Denkmal, weil der Architekt Peter Eisenman die künstlerische Aufgabe nicht bewältigt hat. Gescheitert ist das Denkmal aber besonders an dem Anspruch seiner Initiatoren „ihren“ Erinnerungsort zu schaffen, größer, pompöser, eindrucksvoller als alle Mahnmale in Deutschland vorher.“

Was also wäre denn erstens die künstlerische Aufgabe gewesen? Dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates zu gefallen? In der Musik, wenn mir mal die Abschweifung gestattet ist, haben wir einige solcher vorgeblich „politischen“ Kunst, die sich dem Schlimmen, Bösen und Katastophalen in der Musik angenommen hat — ganz vordergründig! Ästethisch sind diese Werke meistens knapp am Peinlichen vorbei oder mittendrin. Und bitte was hat das mit den Initiatoren zu tun. Die sind demjenigen, der auf dieses Stelenfeld zugeht in der Regel völlig unbekannt. Fragen kann man sehr wohl, ob derartige Kunstwerke auch zugleich Mahnmale sein können. So wie diejenigen für die unbekannten gefallenen Soldaten. Herr Zimmermann, was denn bitte ist an diesem Denkmal pompös? Die Love-Parade war am Ende pompös. Pink Floyds „The Wall“ war schon pompös. Die Twin Tower waren pompös (auf ihre Art). Ein Panzer, ein Atom-U-Boot, das ist pompös.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Foto: Hufner
Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Foto: Hufner

Nein, das Denkmal wirkt auf mich eher klein und bescheiden. Ich erwartete durch die wenigen Berichte, die ich kannte, dass es ein „mächtiges“, „riesiges“, „großes“, „eindrucksvolles“ — ein „pompöses“ Kunstwerk hätte sein sollen. Ich trat auf es zu, vom Brandenburger Tor kommend und war zunächst erstaunt, wie klein dieses Denkmal war, wie niedrig und wie, im wahrsten Sinne des Wortes, überschaubar.

Der Streit ist doch so alt wie die Kunst. Kann ein Kunstwerk noch mahnen, kann ein Mahnmal Kunst sein. Schließen sich nicht Ästhetik und Poltik aus. Kann man das Mahnmal genießen als Kunst, oder widersetzt man sich damit dann seinem Zweck?

Mit ähnlichen Vorwürfen hat sich in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ der Politikwissenschaftler Claus Leggewie auseinandergesetzt.

„Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas sei „verlogen“, „ein monumentaler Akt der Anbiederung und Anmaßung“, erklärte am Tag der Eröffnung der Politologe Peter Reichel. Es war nicht zu erwarten, dass die massive Kritik, die die Denkmalsinitiative im Allgemeinen und die nun realisierte Variante im Besonderen erfahren hat, verstummen würde, aber das Fazit vieler Erstbegehungen lautet gleichwohl: Es wird ein Erfolg.“

Jetzt finde ich diese Ausgabe leider nicht, um darauf weiter einzugehen. Darum nur mein erster Eindruck und mein zweiter. Zunächst nur Enttäuschung und Verwunderung über die Verwendung des Denkmals. Dann jedoch: Dem Denkmal widerfährt, was seinem Gebrauch nahekommt. Es wird in Besitz genommen durch die Bevölkerung. Hätte man etwas anderes haben wollen, so hätte man es wie ein Museum ummanteln müssen. Deutlich mit Hausrecht und Bedienungsanleitung. Das wird sich einspielen. Ganz vorzüglich funktioniert es in Regensburg beim Denkmal für die alte Synagoge, das von Dani Karavan stammt:

„Ich wollte kein Denkmal schaffen, sondern einen Ort der Begegnung“, so Karavan. „Auf den Betonelementen können die Menschen sitzen und Kinder sollen auf dem Relief spielen.“ Einige Stunden nach der feierlichen Einweihung durch Hans Rosengold von der Jüdischen Gemeinde und Regensburgs Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) sieht es so aus, als würde Karavans Wunsch aufgehen – woran auch das benachbarte Eiscafé seinen Anteil hat.

Fotos davon habe ich noch nicht, weil bisher konnte man auch nicht viel von sehen, weil bisher war das Werk besetzt! Später!