Klassische neue Musik – unbeherrschbar

Semmel fragt in einem Kommentar nach dem Begriff der „neuen Musik“. E-Musik (klassisch) oder Hiphop (?)? In der so genannten E-Musik freilich geht es nicht deshalb immer schon um Geblase und Gestreiche. Es kommen dagegen immer häufiger auch „modernste“ Apparaturen zum Einsatz. Bei der Veranstaltung 2001 der projektgruppe neue musik (ich berichtete) standen Maschinen im Vordergrund (Machinations – Imaginations: Musik erfinden mit maschinischen Verfahren).

Beispiel 1: Nicolas Anatol Baginsky: Aglaopheme (1999/200) für Slide-Guitarren-Roboter. Foto: Hufner

Beispiel 1: Nicolas Anatol Baginsky: Aglaopheme (1999/200) für Slide-Guitarren-Roboter. Foto: Hufner

Zu Baginskys Musikrobotern schrieb ich damals mit etwas zu viel „irgendwie“:

Nicolas Anatol Baginskys Musikroboter schauen aus wie TÜV-unterversicherte-Tanzbären aus Stahl. Er möchte den „Computer in die Realität zurückholen“, in diesem Falle also irgendwie auch augenscheinlich machen. Das mag ja bisweilen komisch wirken, dennoch steckt darin eine logische Folgerung. Während in anderen Produktionen irgendwie Klänge auf sonderbare Weise (per Kabel) zu einem Verabeitungs- und Umformungsgerät gesendet werden und von dort aus über schwarze Kästen (Lautsprecher) den Raum beschallen, steuert Baginsky Musikmaschinen an, die dann wieder analoge Klänge produzieren: eine maschinische Humanisierung von Maschinen. Das wird dann irgendwie zu einem doppelten Vexierbild.

Am ersten Abend trat schon John D.S. Adams aus Toronto auf mit David Tudors „Neural Synthesis No.16“ für Synthesizer.

Am ersten Abend trat schon John D.S. Adams aus Toronto auf mit David Tudors „Neural Synthesis No.16“ für Synthesizer. Foto: Hufner

Am ersten Abend trat schon John D.S. Adams aus Toronto auf mit David Tudors „Neural Synthesis No.16“ für Synthesizer. Foto: Hufner

Dazu habe ich nichts geschrieben. Aber die Vorführung war recht eindrucksvoll. Ein Schwirren von verästelten Klängen im Raum. Adams wuselte herum in seinem Apparate-Apparat. Er macht später klar, dass er nicht genau wisse, was da passiert. Im Zentrum seiner Regler stand ein Kästchen, welches sich einfach nicht beherrschen lasse. Die Apparate waren so komplex ineinander verbunden, dass kein Input dort (Regler, Schalter) zu einem vorherrsagbaren definierbaren Output führe. Irgendwer fand dafür einmal den Begriff des „exakt Ungefähren“, der dies bezeichnet. Und darin, lieber Semmel, liegt eine der Stärken dieser Musik. Sie lebt auch durch die Überraschungen und unerwartbaren Ergebnisse im Rahmen eines potentiellen Klang- oder Musikfeldes. In der aktuellen McPopmusik wird dies gerade vermieden. Am besten ist es da, die Musik klingt auf Trinidad ebenso wie in Spitzbergen. Eben wie beim Cheeseburger im Standardherstellungsverfahren. Maschinen als Garanten des Immergleichen gegenüber Maschine (hier) als Garanten der Unbeherrschbarkeit.