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Bambi im Wald. Foto: Hufner

Der fiese Gast – und seine Replik

Fast monatlich bekomme ich einen Nachtgast, also so einen, der eine Nacht bleibt; eben einen, der ein Bett für eine Nacht in der ihm fremden Stadt benötigt. Dieser Gast war nun da. Ich kann den zwar überhaupst nicht leiden, weil er schmutzt und einen in einer Tour beleidigt, weil er 1860er-Fan ist, weil er dick und kurz ist und mit Bart. Mit einem Wort: Weil er mich an mich erinnert, wenn ich einmal so alt bin als wie er.

Aber: Witzig isser schon. So packte er gestern aus dem Gegruschte meines Schreibtisches das einzige Musikinstrument (siehe Abbildung rechts) und spielte darauf wie ein Volldepp etwa so etwas.

Danach dann trocken: „Strauss: Alpensinfonie.“

Allerdings hat er es sich gestern abend komplett verscherzt. Vom nächtlichen Ausflug zurück, fragte mich, ob er einen Apfel haben könne. Ich willigte ein. Fehler, großer Fehler, hätte Mao gesagt. Er nahm sich nicht den doofen großen Grünen, sondern den kleinen roten leckeren aus Berlin. Der Hund, das Sackgesicht. Darauf konnte ich die ganze Nacht kein Auge zutun. Und auch morgens, als er mich zu wecken beabsichtigte, schrie ich ihn sofort wild an, dass er das größte Arschloch von der Welt sei und dass er absolut bei mir verschissen habe. Ausgerechnet den kleinen leckeren Apfel aus Berlin, dieser Trampelarsch. Er hat natürlich toll geschlafen. Dieser, dieser, dieser – ich mags nicht sagen.

Das ärgerte mich alles umso mehr, als ich ihn gestern abend noch wenigstbietend abgeben wollte. Aber keiner der drei weiteren Personen der näheren Bekanntschaft mochte ihn mir abnehmen. Der eine drohte damit, er müsse sich dann die Nacht dessen komplette Jazzplattensammlung anhören, der andere wollte das seiner Familie nicht antun, bei der nächsten hätte es einen Eifersuchtsanfall gegeben. Also musste ich ihn ja wieder mitnehmen, den bayerischen Blödhampel.

Morgens wollte er dann auch noch ein heißes italienisches Nationalgetränk. Habe ich gemacht, trotzdem. Dann noch ein kurzes Gespräch über die Uhrzeit an meinem Backofen. 11:01. Sommerzeit! Meinte er doch glatt: „Nur gut, dass Winterzeit ist, sonst wäre ich jetzt eine Stunde zu spät.“ Er fragte noch nach dem Wort der Bayern mit drei Buchstaben. Ich gab zurück: „Dep“, „dof“, „Trl“, „Bet“ — er beharrte auf „fei“ und ich solle doch mal schnell im Internet nachschauen. Da habe ich ihn rausgeworfen, samt seinen dreckigen Klamotten. Und nun habe ich die Schädlingsbekämpfung im Haus. Grrrrr. Und dann eben die Geschichte mit dem Apfel, er hätte doch auch Brühwürfel oder Bananen haben können oder Zwiebeln.

Und jetzt überlege ich, ob ich mir die Internetadresse „kritische-bayern.de“ reservieren lassen soll. Mit Abschiebeanträgen für den Seehoferhorst, den Stoiberhund, den Becksteinverrecktsein, die Straussmaus oder Gloskloß sowie den fiesen Gast, die alte Ratte.

Hier der fiese Gast in freier Wildbahn. Links ein Komponist, dann der fiese Gast, dann eine Journalistin und etwas abseits ein brillanter Xenakis-Pianist.

Die Replik des Gastes

„Alle ein, zwei Monate erlebe ich es aufs Neue. Alpdrücke suchen mich heim, ich erwache schweißgebadet und kann nur noch an das eine denken. Nicht an das, was Sie meinen, sondern daran, dass ich wieder eine Nacht in Regensburg bei dem Wesen, das sich auf meine Anregung hin Hufleikhan benennt, verbringen muss. Hufleikhan freilich freut sich mit sabbernder Zunge wie Waldi oder Seppi auf den blasenerleichternden Abendspaziergang mit seinem Herrchen, weil er vom Zappen zwischen US-Baseball und „Deutschland sucht den Suppenstar“ für kurze Zeit erlöst wird. Denn sein mieses Heim schäbigster Provenienz bietet sonst verständlicherweise keine Freude. An den Wänden hängen Sehnsuchtserinnerungen eines wehleidigen Geistes oder vergilbte Notenblätter (eine Celan-Vertonung etwa; was sonst als dieser Dichter, der zum Alibi aller sich schlecht Vorkommen-Tuender wurde?) mit unsauber gehörten, viertklassigen Musikergüssen aus zittrig geführtem Griffel. Wie gut, denke ich mir jedes Mal, dass dies wenigstens keiner hören muss. – Und auch sehen tut’s keiner, denn niemand sonst lenkt seine Schritte freiwillig in dieses spinnweb-, staub- und unratüberzogene Verließ. Wenn er, wie er angibt, durch mich nun die Schädlingsbekämpfung im Haus hätte, dann wäre es wohl das Beste für ihn. Aber natürlich gelogen von unserem Möchtegern-Huflaikhan. Denn längst winken alle Wanzen-Ex-, Floh-Frei- oder Schabernack-dem-Kakerlak-Betriebe angesichts der Geziefer-Übermacht ab (vielleicht fürchten sie auch, dass sie bei der Bekämpfung aus Versehen den von dem Gewimmel ununterscheidbaren Auftraggeber mit hops gehen lassen. Sprich: keine Bezahlung). Stattdessen empfehlen sie Räumung des Viertels und Einsatz von ABC-Waffen, die sie aus undurchsichtigen Kanälen beschaffen und zur Verfügung stellen könnten.

Warum etwa, so frage ich mich, hat dieser Gastnehmer (denn was gibt er schon? Nehmen freilich tut er meine Zeit.) im Badezimmer unter dem Spiegel, wo sonst die Zahnpasta zu liegen pflegt, Canesten-extra postiert? Doch nur, um den Schimmelpilzen, die sich allnächtens über Haut und Haar legen, ein Gegengift zu zeigen in der irrwitzigen Trübe-Tassen-Hoffnung auf Einschüchterung.

 

Würde er es wirklich in erfolgverheißenden Dosen einsetzen, dann könnte Bayer eine zweite Fußballmannschaft aufmachen, die die Champions-League gleich im Pachtvertrag hätte. „The Huflaikhan-Bedbugs“, könnte ich mir vorstellen.

Leicht kann man begreifen, dass jedes lebende Wesen in dieser Müllhalde um Gnade bittet. Und so kam es auch, dass ich abends in die so genannte Küche ging (es ist ein absonderliches Loch voller trübe gärender Substanzen, von denen man meist nicht sagen kann, ob sie den Akt des Essens noch vor oder schon hinter sich haben). Dort lagen zwei Äpfel, ein grüner und ein kleiner bunter. Beide flehten mit jämmerlich bittendem Augenaufschlag um Errettung aus der schimmligen Hölle. Wer könnte diese unschuldigen Äpfelchen nicht verstehen? Ich tat es jedenfalls, holte auch noch das Einverständnis des im Schmodder Verschwundenen. Irgendwoher kam grunzende Zustimmung und so griff ich mir aus Bescheidenheit das kleine bunte Gewächs nach dem Motto Frauen und Kinder zuerst. Dann aber tauchte Huflaikhan auf und schrie entsetzt: „Mein Berliner Apfel!!!“ Er sagte dies so, wie andere Lübecker Marzipan, Beluga Kaviar oder Brüsseler Spitzen aussprechen. Und da begriff ich: Die allgegenwärtigen Mikroben hatten auch das Innere des Gastnehmers erfasst und das Stadium der Gehirnerweichung, ja der regelrechten Bernd-Alois-Zimmermann’schen Gerhirnzermanschung hatte bereits sein Endstadium erreicht. Ich verbrachte eine schlaflose Nacht und versuchte morgens das gefährliche Gegenüber in ein launiges Gespräch über die Zeit zu verwickeln, was von zwei blöde glotzenden Augen des leibhaftig gewordenen Unverständnisses quittiert wurde. Diese filigran besprochene Zeit nahm ich mir, um geschickt und hurtig zu entfliehen. Gerettet!

 

Gottseidank habe ich kein Bild von Huflaikhan und kann den geneigten Leser dadurch diesen Anblick ersparen (ich glaube übrigens, dass er so viel zu fotografieren vorgibt, einzig um ein Argument zu haben, nicht selbst auf dem Bild zu erscheinen).“