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Sphäre. Hufner

Gernot Romann: ein „Prophet der Toleranz“?

O-Ton Gernot Romann, NDR Programmdirektor Hörfunk:

“Leider hat Gotthold Ephraim Lessing keine Konjunktur. Der Prophet der Toleranz passt nicht ins Schema enger Glaubensbekenntnisse, ist den Geschmackspolizisten unserer Tage suspekt. Auch im Radio gilt: Was nicht den Vorstellungen einer sich als Elite begreifenden Minderheit entspricht, wird erbarmungslos bekämpft – bis hin zur persönlichen Verunglimpfung von Programmmachern und Programmverantwortlichen, ganz so, als gäbe es keine Rundfunkfreiheit, als wäre diese Freiheit eine Angelegenheit von einigen Dutzend selbsternannten Kultur-Ajatollahs.” Quelle: Initiativkreis Das GANZE Werk: aktuell

Das ist das Stärkste, was ich bisher gehört habe, und das Frechste. So eine unglaubliche Verdrehung der Situation. Eine Beleidigung Lessings wie derjenigen, auf die diess Zitat zielt. Rundfunkfreiheit, das erwähnt der richtige, nur meint sie etwas anderes. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll machen, was er will, wenn er denn gleichzeitig seinen Auftrag erfüllt. Bisher konnte ich noch nirgendwo lesen, dass der Auftrag des Rundfunks darin bestünde, den privaten Rundfunkanbietern Konkurrenz zu machen. Davon abgesehen: “Ajatollah” zu einem Schimpfwort zu beugen, das ist weder klug noch fein, sondern ziemlich ärgerlich — und hat mit Lessings Begriff der Toleranz schon gar nichts zu tun. Oder meinen Sie, zum Ajatollah wird man durch Abwesenheit von Toleranz? Nein, nein, nein – schlimm ist diese Art von Beleidigung. Mannomann.

Lessing hatte mit Sicherheit jedenfalls nicht im Blick was Sie offenbar unter Kultur verstehen: Das Gehen nach Quote und maschineller Programmauswahl. Nein, Herr Romann, zur Kultur benötigt man Subjekte, mit all ihrem Eigensinn, mit ihrem Wissen und Gespür, ihrer Sensibilität, mit Kritikfähigkeit.

Und was verstehen Sie denn unter persönlichen Verunglimpfungen, Herr Romann? Wer hat Sie denn persönlich angegriffen? Es geht doch weder um Ihr Haus, Ihre Nase oder was anderes. Als Person sind Sie doch nicht von Interesse bei der Entwicklung ihres Programms beim NDR. Sie sind der Programmdirektor — die oberste Elite, wenn man so wollte. Wenn es Ihnen nicht passt, dass es Menschen gibt, die noch ein irgendwas vom Rundfunk erwarten, die gegen den Rundfunk einen Anspruch hegen, dann wäre das in der Tat sehr traurig. Schlimmer noch als Ihre Verunglimpfungen all derjenigen, die mit einer bestimmten Entwicklung nicht einverstanden sind.

Andererseits, wenn heute jeder, der selbstständig denken kann zur Elite zählt, dann ist die Elite so klein nicht.