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Macht sich unsichtbar. Foto: Hufner

Die N400-Anomalie

Haacki fragte mich, was denn das N400-Phänomen sei. Ich kann sie beruhigen. Wissen muss man das natürlich nicht. Ich kannte es bis letzten Sonntag nachmittag auch nicht. Dann kam nämlich das Feature “Eine Oper schreiben heißt: Keinen anderen Ausweg wissen” – Das inspirierende Wechselspiel von Wissenschaft und Musik · Von Mathias Schulenburg. Dort heißt es ausführlich:

„Die Module, die sich bei als falsch erkannten Klängen erregen, sind die gleichen, die auf grammatische Fehler beim Sprechen hin aktiv werden. Auch unerwartete Bedeutungs-Schräglagen rufen EEG-Reaktionen hervor, etwa den „N400″ genannte Effekt. Er tritt – gut messbar – auf, wenn dem Gehirn Unerwartetes widerfährt, etwa beim Lesen. Folgt auf den Satz “ Die Blicke schweifen in die Ferne“ das Wort „Weite“ auf einem Bildschirm, so ist alles in Ordnung. Lesen die Testpersonen jedoch danach ein offenbar zusammenhangloses Wort wie Wort „Nadel“, dann stimmt etwas nicht.“01)Deutschlandfunk – Wissenschaft im Brennpunkt – „Eine Oper schreiben heißt: Keinen anderen Ausweg wissen“

Das Gehirn drückt seine Verwirrung mit einem so genannten ereigniskorrelierten Potenzial aus: Ungefähr 400 Millisekunden nach der Wahrnehmung – daher „N400“ – weichen die mit dem Elektroenzephalogramm (EEG) gemessenen Hirnströme deutlich vom Normalen ab. Ähnliches passiert, wenn ein Brief vom Finanzamt mit „Rückzahlung“ beschriftet ist.

Verblüffender noch: Wenn das Gehirn musikalisch auf eine Bedeutung eingestimmt wird, wie etwa Weite

Und dann etwas ganz Unpassendes hören muss, wie „Enge“ – zeigt das EEG zeigt die berühmte N400-Anomalie:

„Die Tatsache, dass wir eine N400 auf dem Zielwort finden, wenn das Zielwort keinen Bezug hat zu dem vorhergehenden musikalischen Kontext, demonstriert, das Musik einen Effekt hat auf die semantische Verarbeitung eines nachfolgenden Wortes. Und das demonstriert, das Musik Repräsentationen bedeutungsvoller Konzepte aktivieren kann. Was heißt, das Musik erheblich mehr Bedeutung tragende Informationen übermitteln kann als wir das vorher so gedacht haben, und die Ergebnisse zeigen auch, das die Effekte, die Musik auf semantische Verarbeitungsprozesse eines Wortes hat, genau die gleichen sind wie die, die Sätze haben.“02)Deutschlandfunk – Wissenschaft im Brennpunkt – „Eine Oper schreiben heißt: Keinen anderen Ausweg wissen“

Das war das, wenn man zum Beispiel eine Folge durchbricht. Aus “Mir” und “Mich” nicht “Dir” und “Dich” folgen lässt sondern eine Abweichung, die hier so halb richtig und halb falsch ist folgen lässt. Das führt zu einer Irritation.


Fünf Jahre später kommentierte ein anonymer Gast den Beitrag aus der Kritischen Masse:

N400 bezieht sich in Neurolinguistik nicht auf grammatische(Syntax), sondern auf semantische (Bedeutung)Fehler. Der Satz „Die Blicke schweifen in die ferne Nadel“ ist grammatisch korrekt; Das Wort Nadel passt aber semantisch nicht zu dem Vorhergesagten und löst den N400-Effekt.

http://en.wikipedia.org/wiki/N400_(neuroscience)

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