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Me und my Amiga 1990. Foto: SR

Me and my Amiga 1000 [1990/2004]

Nachdem man feststellen konnte, dass Semmelmann ein Amigaumtriebiger war, muss das Huflaikhansche Amiga-Wesen auch herausgekitzelt werden. Dazu gehört auch die enthüllung dieses Fottos™, das den Huflaikhan nicht in einer ihm selbst gefallenden Pose zeigt. Man war jung und irgendwer wollte unbedingt das fottografieren. Zu seinen Schwächen des Abends stehen, jawohl. Es zeigt den Geistesarbeiter an seiner Arbeitsmaschine mit dem Licher Pils.

Me und my Amiga 1990. Foto: SR
Me und my Amiga 1990. Foto: SR

Dabei war der Weg zum Amiga eher ungewöhnlich und umständlich. 1986, als Student in den Semesterferien ein wenig etwas gearbeitet und damit Schotter angesammelt, den man gerne der Wirtschaft wieder zurückführen mochte. Den Ausschlag gab ein Konzert der Gruppe Cassiber in der Frankfurter Batschkapp. Heiner Goebbels an seinem Yamaha-Synthie, der beständig Disketten einschob und tauschte und einschob und, klick, wieder auswerfen ließ. Ich wollte keine Computer, ch wollte ein Disketten-Laufwerk! Und bestimmt ein 3,5-Zoll-Laufwerk. Drei Systeme standen zur Auswahl: AtariST, SchneiderPC oder Amiga 1000. Der Amiga war der neueste der drei und hatte mindestens einen Vorteil gegenüber dem Atari. Er konnte vierstimmige Musik direkt erzeugen. Der zweite war, dass er eine externe Tastatur besaß, die sich hübsch unter das Gerät schieben ließ. Das ganze sollte (mit Monitor?) ca. 2.500 DM kosten. Aber, wenn man spitz ist auf sowas, dann muss man einfach plötzlich zuschlagen. Getan, gekauft.

Bildschirm schön bunt

Prima: Bildschirm schön bunt. Kickstart 1.1 rein, Worbench rein – also Disketten schieben und ziehen. Genial. Allerdings, jetzt kam ein Problem, wie soll man damit auch mal Texte schreiben? Im Editor? In Amiga-Basic? Hauseigen lag ein Textprogramm bei: Textcraft hieß das wohl und es ließ erahnen, dass es ginge. Nur deutsch konnte und wollte das Programm nicht. Und selbst wenn es gewollt hätte, ich hätte die Ergebnisse bloß vom Bildschirm abfotografieren können. Denn, Schreck, wo ist der Drucker??! Ach du Scheiße, sowas muss schnellstens her, sobald nur ein einziges vernünftiges Textprogramm vorläge. Natürlich nur das Beste ist gut genug: Das war meines Erachtens der NEC P6 mit 24 Nadeln und nicht den lumpigen 9-Nadeldruckern der andern. Noch einmal 1.000 Mark weg. Aber so konnte ich meinem älteren Bruder den Erwerb aus meiner ersten VW-Tätigkeit verticken, die Gabriele9009 (elektrische Schreibmaschine mit zwei-Zeilen-Puffer).

Bald gab es auch ein deutsche Textprogramm aus Hamburg “UBM-Text” hieß das und kostete auch nur 249 Mark. Ein bisschen funktionierte das sogar wie What-You-See-Is-What-You-Get. Es gettete nur sehr langsam. Ein Text von fünf Seiten war die Grenze vernünftigen Arbeitens. Wollte man dann am Anfang etwas löschen oder einfügen ging das Textrumrücken los, Zeichen für Zeichen (tap, tap, tap, tap). Damals wurde ich wohl endgültig zum Raucher. Die Freundin meines Mitbewohners schrieb damit und verfluchte mich bei jedem Absturz dieses Programms.

Freunde gewann man so nicht. Ich war damals sogar so gutgläubig, denen einen Brief zu schreiben, in dem ich die Probleme beschrieb. Denn so war es doch in den Lizenzbedingungen gefordert! Und in der Hoffnung, das Programm verbessert zurückzuerhalten. Huflaikhans sprichwörtliche Gutgläubigkeit. Die reagierten, so weit ich mich erinnere nur pampig und ich wünschte ihnen die Insolvenz, aber schnell! — Und jetzt sehe ich, die gibts tatsächlich immer noch. Machen jetzt auf soliden Lohnbuchhaltungssoftware-Kram. Dieses Programm von denen damals habe ich wohl wirklich entsorgt.

Dann bald die Erlösung mit Data Beckers Textomat für 99 Mark. (Unter der Hand bekam ich kein einziges Programm, weil Gießen sonst praktisch amigafrei war). Damit gelang es tatsächlich längere Texte zu verfassen. Die drei Ausgaben der Zeitung unseres Institits mit dem Titel “Der rote Tristan” wurden in dieser Kombination hergestellt, ebenso die Magisterarbeit. Amiga1000, NecP6 und Textomat.

Später erwarb ich, wieder nach VW-Werkens, noch eine Ausgabe von Wordperfect (für um die 650 Mark und fünf Tagen für die richtige Programmierung des Druckers) und verfasste damit meine Dissertation bis 1993. In Amiga-Basic programmierte ich ein Gehörbildungsprogramm, mit “Deluxe Music Construction Set” (oder so ähnlich für 298 Mark) schrieb ich vierstimmig, zwischendurch kam ein zweites Diskettenlaufwerk (für 219 Mark) hinzu. Über einige Tricks bekamen wir sogar noch ein paar Texte für meinen Mitbewohnes über die serielle Schnittstelle raus, damit er sie am PC (bernstein!-Monitor) nutzen konnte. Noch später entdeckte ich eine Softwarelösung, die auf dem Amiga-Laufwerk PC-kompatibel schreiben konnte. So gelang dann die Dissertation auch zur Verarbeitung auf den Verlags-PC. Das schöne Endlospapier mit seiner amerikanischen Länge. Die ganze Dissertation wurde dann auf dem falschen, feinperforierten Papier gedruckt. Einschalten und aus dem Haus gehen zum Flanieren, einkaufen etc. Das “ssssitt, sssssitt” muss man nicht stundenlang haben. Erst Ende 1995 löste dann eine Windows95-Pentium90-Rechner den Amiga ab.

Der Amiga 1000 war aber trotzdem ein Clou. Wie oft überlegte ich den Kauf eines sogenannten Sidecars. Ja, das gabs, man hätte rechts daneben einen Mini-PC anstecken können. War mir aber zu teuer. Wie oft überlegte ich den Erwerb von mehr Arbeitsspeicher, doch der war wirklich ebenso rattenteuer, ebenso wie eine 10 MB-Festplatte. Manchmal auch blickte ich neidisch auf die Amiga 500-, 2000- und 1200-Nutzer, die längst auch ihr Betriebssystem aufmöbeln konnten. Ach, Amiga, der du stehst hübsch original-verpackt auf dem Speicher. Mehr zum Amiga im Testbericht der c’t von 1986.

Später freute ich mich darüber, dass immerhin die größte Filmindustrie der Welt, nämlich die Indiens, mit Amigas ihre Filme schnitt. Immer wieder nett war auch das, was der Amiga an den Drucker ausgab, auch wenns nicht das gewollte Ergebnis war (wie rechts an diesem Text). Die Probleme hatten ihren ästhetischen Reiz, ganz fraglos.

Außerdem konnte der Amiga damals übrigens sprechen. Das nutze ich einmal für eine kleine Komposition mit dem Titel “On Popular Music” (als MP3 – 2,6 MB). Das fand ich ulkig, einen amerikanischen Text Adornos vom Computer sprechen zu lassen. Im ersten Teil in normaler Lage, in normalem Tempo, danach in die Extreme verteilt und sehr langsam. Da wird aus der Sprache schon ein mehrfacher Kontrapunkt.

Was ich am Amiga aber besonders schätze, war, dass er sowohl Bedienungsoberfläche mit Maus hatte (zwei! Tasten) , aber auch direkt auf Kommandoebene funktionierte. Der Umstieg auf PC oder Apple war damit ein Klacks. Der Amiga arbeitete dabei einerseits (rückblickend komisch). Statt a: wie beim PC sagte er df0: oder dh1: etc. Er konnte vor allem jedoch den “/” Slash und war nicht auf diesen, Europa blöden, Backslash “\” geeicht. Ein Absturz wurde zu einer “Guru-Meditation.” “Mindwalker” habe ich einmal zu Ende gespielt – doch mit diesem Spiel fing mein Bluthochdruck an. Nie wieder Computer-Spiele seither! Eigentlich war ich diesem Gerät nicht gewachen. Vor allem spielte Apple keine Rolle in meinem engeren und weiteren Umkreis (ich: Amiga, Chris: PC, Stefan: AtariST), dabei sind wir sonst so kompatibel gewesen.

Zurück: Den Jogging-Anzug von damals habe ich bei der letzten Wohnungsrenovierung verbraucht, auch sitze ich selten so entspannt vor einem PC. Den Schreibtisch nutze ich noch heute, die Haare sind deutlich weniger und kürzer. Der Drucker ist noch für 100 Mark an einen Bekannten gegangen. Den Aschenbecher besitze ich noch.