Was unterdessen in Nachtland passiert.

Oweh. Foto: Automat

Was unterdessen in Nachtland passiert. Es war dies ein trüber, kühler und stickiger Tag gewesen. Kaum, daß die Sonne einen Lichtstrahl auf die Erde schickte. In dieser Jahreszeit wird es früh dunkel. Auf die Straße ging nur, wer es mußte, vielleicht um den Hund Gassi zu führen oder weil der obligatorische Kirchbesuch anstand. Oder auch ganz einfach, weil mancher einen anderen besuchen wollte, zum Kaffee vielleicht. Es war aber kein Tag, die Menschen zu ängstigen wegen Versorgungsengpässen oder nicht vorhandenem Strom oder fehlender Kohle zum Hei­zen. Zuhause konnte es behaglich sein. Gegen zwölf Uhr mittags hatte so mancher Sonntagsbraten seinen Weg in die Röhre gefunden.

Sicher, anderorts verlief der Tag weniger ruhig. Es gab auch Menschen, die weder Freunde besuchen konnten und die keinen Sonntagsbraten erwarteten. Sie waren bekümmert. Vielleicht, daß sie am nächsten Tag nicht mehr aufstehen könnten. Andere, die in Krankenhäusern dahinvegetierten und Besuch von Verwandten erwarteten, die hoffentlich mit Blumen in dieser kargen abstoßend gereinigten Welt einen Schimmer von Gesundung einschleusten. Das war deprimierend für manche, die nie Besuch bekamen. Der Tag hatte in seiner Trübheit, in seiner Tumbheit, alles verschlungen. Manche haben von diesem Tag noch weniger gesehen. Der junge Mann aus dem sechsten Stock: Er war auf der Party eines Kollegen. Er war allein und soff sich über den Kummer hinweg. Morgens ist die Welt noch nicht wieder für ihn da. Erst gegen Mittag stellt er fest, daß nichts aber auch gar nichts sich gebessert hat. Der Fernseher läuft ohne Unterbrechung; er sitzt nun am Abend ganz alleine mit sich im teuren Ledersessel. Hin und wieder bewegt er sich, eine neue Sitz‑ Liege-Lage suchend oder um ein neues Bier zu holen. Er schweigt die ganze Zeit hindurch. Später, gegen Mitternacht, beendet er die Malaise indem er sich zu Bett begibt, sich vorher duschend, das Hemd und die Hose exakt faltend, die Unterwäsche kommt wie natürlich in den Wäschesack. Der Schlafanzug wird übergezogen. Schon unter der Decke im Bett, der Wecker rasch gestellt. Das Licht aus. So liegt er nun da. Zuerst auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkend. Er kann nicht einschlafen und denkt wohl noch ein wenig nach. War es nicht einmal anders gewesen? Dann sieht er zum Fenster hinaus auf den Himmel.

Andernorts erging es vielen ähnlich.

Und was macht Jonas? Er ist nicht zuhause. Er geht durch die Straßen und Wege und über die Felder. Es hat gefroren. Jonas geht einfach nur. Die Nacht ist ihm unerträglich. „Und wer kümmert sich denn um mich?“ ruft Jonas hinaus.


Verfasst 1990 – aus dem Roman: Angriff auf die Urteilskraft, einem total gescheiterten Projekt, Steinbach 1990, ca. S. 12.